IN EINER UMFRAGE der «Literarischen Welt» haben sich einige Herren zum bemerkenswertesten Kunsterlebnis des Jahres 1929 geäussert. Gerhard Hauptmann nannte die Aufführung eines (eigenen) Stücks, Franz Werfel sprach sich für die Gedichte seiner Freunde aus, Th. Mann bekannte sich zu einer Oper. Ich bedaure alle drei, zünde meine Zigarre an und stimme für das interessanteste Spiel der Deutschen Meisterschaft, Schalke 04 gegen Arminia Hannover, das mit 6 zu 2 endete. Für den zylindertragenden Betrachter mag die Wahl eines Sportereignisses eine Überraschung sein. Doch besteht der Vorteil meiner Wahl gerade in ihrem Mangel an Originalität. Nicht nur wird mein Urteil von 20 000 Kunstkennern geteilt, sondern auch von der Mehrheit der deutschen Fussballpresse, die sowohl dem System des Schalker Kreiselspiels als auch den ausführenden Künstlern Szepan, Kuzorra, Tibulski grösste Hochachtung entgegenbrachte. Für einmal fand an einem Kulturereignis kein Nepp statt. Der Gegenwert für das Eintrittsgeld wurde geboten. Die einzige Beeinträchtigung des Vergnügens bestand in der Abwesenheit des bürgerlichen Feuilletons, dessen Ablehnung sonst jeder gelungenen Veranstaltung ihre besondere Würde verleiht. In der Tat ist die Nachricht noch nicht in die Redaktionen vorgedrungen, dass Fussball als Kunstform den traditionellen Formen Literatur, Theater, Malerei, Musik bei weitem überlegen ist. Fussball ist wie alle grosse Kunst einfach. Die Übersichtlichkeit der Regeln gestattet es, in Ruhe Details zu studieren, etwa Kuzorras Ballannahme, die Paraden Sobottkas oder Tibulskis Fallrückzieher. Jeder Zuschauer ist spätestens nach drei Spielen Kenner. Das Publikum ist also ausschliesslich aus Kennern zusammengesetzt. So ist auch Kritik das Markenzeichen des Publikums. Während der Smokingträger in Konzerten oder im Theatersaal auf dem Maul sitzt, treffen wir in den Sportstadien auf einen Menschen, der pfeift, raucht, singt, aber nicht jede Darbietung zu ertragen gewillt ist. (Dass das Fussballpublikum parteiisch ist, ändert nichts an dieser Tatsache: Unparteiische Beobachter verschweigen in der Regel nur, wer sie für ihr Urteil bezahlt hat.) Nun zeugen Rufe wie «Elfmeter» oder «Schiess doch, du Affe!» von einer geistigen Beweglichkeit, die diejenige eines Smokingpublikums bei weitem übertrifft. Mitdenkende Kommentare wie: «Pinseln Sie Ihr Bild abstrakter!», «Ophelia auswechseln!» würden auch diesem gut anstehen. Das hohe Niveau der Fussballkunst basiert auf dem Respekt vor ehrlicher Arbeit. Ihr Ertrag ist messbar: Jedes Spiel ergibt ein Resultat. Dass nicht immer der Bessere gewinnt, spricht für den unbarmherzigen Realismus der Fussballkunst. Man kann Wetten annehmen. Dem Zufall wird eine Chance gegeben, und das, meine Herren, ist im Geschäftsleben nicht anders. (Morgen, wenn Ihr Glück aussetzt, können Sie vernichtet werden.) Gerade diese Unberechenbarkeit beweist die Überlegenheit des Fussballs gegenüber den traditionellen Kunstformen, in denen der Ausgang der Kämpfe festgelegt ist: im Theater schlägt Hamlet Polonius, aber im Spiel Schalke - Hannover kann die Situation ruhig sein, Szepan bekommt den Ball im Mittelfeld, startet ein ungeheures Dribbling um vier Verteidiger und schiesst ein. Jederzeit ist die Katastrophe oder der Geniestreich möglich: Fussball lehrt eine Masse in der Möglichkeitsform denken. Sie macht die Erfahrung, dass sich in Sekunden etwas verändern lässt. Fussball ist - zusammen mit der Erkenntnis, dass der Weg ins Spiel fast immer über den Kampf führt - Anschauungsunterricht für Revolutionäre. Auf gutem handwerklichem Niveau - jedenfalls für ein Land, das von einem Rilke, Uhland oder George heimgesucht wurde - ist auch die Lyrik. Die Songs sind singbar und betont sachlich («blau und weiss ist ja der himmel nur / blau und weiss ist unsre fussballgarnitur»), die Beschimpfungen direkt und wirksam («heute hauen wir nach altem brauch / dem fc schalke auf den bauch / lustig lustig tralala / heut ist die arminia mit dem hammer wieder da»). Last, not least wird einem für sein Geld auch ein gesunder Gegenwert an Gefühlsausbrüchen geboten. Keine Theateraufführung verhilft auch nur einem Zuschauer zu ebensolcher Freude wie den 10 000 Anhängern ein Siegestor in der 89. Minute, keine Chopin- oder Hölderlin-Matinée versetzt in so ehrliche Trauer wie der Verlusttreffer. Wie bei allen interessanten Lebenslagen zahlt man auch im Fussball den Spass mit dem Risiko eines grossen Verlusts. Gutes Amüsement hat schon immer Nerven und Mut verlangt. Aus oben genannten Gründen stimme ich dafür, das Spiel Schalke - Hannover als Kunstereignis des Jahres 1929 zu wählen, den Stürmer Ernst Kuzorra als Künstler des Jahres auszuzeichnen und Fussball als fruchtbarste Kunstform des 20. Jahrhunderts zu sehen.
Gefunden von Constantin Seibt.